<< zur Übersicht Studienauftrag | 24. März 2020

«Wir wollen ein möglichst breites Ideenspektrum abholen»

15 Planerteams entwerfen in den nächsten Wochen ihre Ideen für ein Stück Stadt auf dem Bell-Areal. Städtebau-Experte Thomas Lustenberger sagt im Interview, wo die grössten Herausforderungen liegen.

 

Thomas Lustenberger, als Abteilungsleiter Planungs- und Baudienste der Stadt Kriens beschäftigen Sie sich täglich mit städtebaulichen Fragen. Was sind die komplexesten Aufgaben, mit denen die Teams sich beschäftigen werden?

Thomas Lustenberger: Es sind drei Herausforderungen, die im Raum stehen: Zum einen sollen die Teams aus einem bisher abgeschlossenen Areal im Zentrum ein Stück Stadt kreieren. Dahinter steht auch immer die Frage: Wann ist etwas Stadt und wann nicht – sowohl heute als auch morgen. Zum andern müssen sie sich mit dem Thema Verdichtung auseinandersetzen, da die Entwicklung beim Bell-Areal nach innen erfolgen muss. Dies hat auch Auswirkungen auf die Freiräume auf dem Areal: Je mehr man verdichtet, umso höher werden die Anforderungen an die Freiräume.

Die dritte Herausforderung ist das Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten auf dem Areal. Vor allem auch, wie der Raum auf Augenhöhe genutzt und belebt wird. Denn die Erdgeschossnutzung nimmt man am meisten wahr. Das Bell-Areal steht im Spannungsfeld zwischen der reinen Wohnzone, die das Areal auf drei Seiten umgibt, und der Zentrumszone, die auf der Südseite angrenzt. Das Areal muss gewissermassen zwei verschiedene Gesichter erhalten und dabei harmonische Übergänge ermöglichen.

 

Inwieweit spielt die Zentrumslage des Bell-Areals bei der Planung und Entwicklung eine Rolle?

Das heutige Krienser Ortszentrum ist mit dem Schappe-Center im Westen und der Hofmatt im Osten von zwei Polen geprägt. Zwischendrin liegt der alte Kern von Kriens, der teilweise eine Art Leerraum geworden ist. Heute ist es deshalb nicht sehr attraktiv, zu Fuss von der Hofmatt bis zum Schappe-Center zu gehen. Hier hat das Bell-Areal eine grosse Bedeutung und stellt die Planerteams vor die Frage: Schafft das künftige Stück Stadt, die beiden Pole besser miteinander zu verbinden?

Mit seiner Zentrumslage ist das Bell-Areal entlang der Obernauerstrasse durch Verkehr und Lärm geprägt – gleichzeitig aber ist eine direkte Erschliessung des Areals nicht möglich. Entlang der Obernauerstrasse hat es nur auf der Seite des Bell-Areals ein Trottoir. Abgesehen vom kleinen Park ist es heute ein Strassenraum, der Fussgänger nicht dazu einlädt, sich dort länger aufzuhalten. Eine weitere Herausforderung aufgrund der Lage ist die Schaffung harmonischer Übergänge vom neuen Stück Stadt in die angrenzenden Wohngebiete.

 

Das Bell-Areal hat eine lange Industriegeschichte – inwiefern wünscht sich die Stadt Kriens, dass diese künftig noch erkennbar sein wird? 

Orientierung und Wahrnehmung eines Orts leben auch von seiner Geschichte. Gleichzeitig erfährt der mobile Mensch viele Veränderungen und weiss nie genau, wohin die Reise geht. Das kann auch dazu führen, dass man die Geschichte und den Zugang zu seinen Wurzeln verliert. Deshalb ist es besonders wichtig, die Identität zu stärken.

Identität bedeutet aber für jeden etwas anderes. Ich bin in Kriens aufgewachsen und kann nur für meine Zeit sprechen: Für mich gehörten Turbinen, der Güterzug durchs Dorf und das Bähnli auf die Krienseregg zum Bell-Areal. Woran denken aber zum Beispiel Millenials beim Bell-Areal? Vielleicht an einen Zaun rundherum? Ich weiss es nicht. Es ist auch wichtig festzuhalten, von welcher Identität man überhaupt spricht. Geht es um die Identität der Maschinenfabrik Bell oder um die Identität der Stadt Kriens? Kriens hat eine eigene Kultur, ein eigenes Brauchtum, die Krienserinnen und Krienser bewahren neben der Stadt Luzern ihre Eigenständigkeit. Die Identität des Bell-Areals, ist für diejenigen, die auf dem Areal gearbeitet haben, bestimmt ein wichtiger Bezugspunkt. Für die Mehrheit der Krienserinnen und Krienser ist die Identität aber wahrscheinlich eine andere: Die Wahrnehmung des Areals und seiner Auswirkungen von aussen.

 

Warum wurde für den städtebaulichen Studienauftrag ein zweistufiges Verfahren gewählt? 

Der Stadt Kriens beziehungsweise dem Fachgremium war es von Anfang an wichtig, dass man beim Vorgehen zur Entwicklung mitreden kann und ein Verfahren wählt, das dem Areal und der anspruchsvollen Aufgabe auch gerecht wird. Zusammen mit der Grundeigentümerin Logis Suisse haben wir uns auf das zweistufige Verfahren geeinigt – mit einer offenen Präqualifikation. Bei der Wahl der 15 Teams waren vor allem auch die Motivation der einzelnen Teams und deren Zugang zur Aufgabe entscheidend. In der ersten Stufe möchten wir nun ein möglichst breites Ideenspektrum abzuholen. In der zweiten Stufe wird dann für eine reduzierte Anzahl von Teams das Programm geschärft.

Mit der Möglichkeit, zum Abschluss die Konzepte präsentieren zu können, entsteht auch die Gelegenheit für einen Dialog, der uns sehr wichtig ist. Zudem kann man vertieft nochmals Einfluss nehmen – nicht nur die Stadt Kriens und die Politik, sondern auch die Grundeigentümerin.

 

Was erhofft Kriens sich von den Projektideen, die jetzt entwickelt werden?

Die Stadt Kriens hat einen hohen Anspruch, die Entwicklung des Areals breit abgestützt in einem adäquaten Prozess anzugehen und in die richtige Richtung lenken zu können. Angrenzend ans Zentrum war Kriens geprägt von Industriearealen. Diese wurden im Rahmen von Ortsplanungen jedoch nach und nach umgezont. Dem Städtebau hat man dabei vielleicht nicht immer die notwendige Beachtung geschenkt.

In der heutigen Zeit, in der man gegen innen verdichtet und die Anforderungen – nicht nur aus gesellschaftlicher Sicht, sondern auch aus technokratischer Sicht – immer grösser werden, ist es eine grosse Herausforderung, ein neues Stück Stadt zu entwickeln und dazu den richtigen Weg zu finden. Dabei hilft uns eben auch das zweistufige Verfahren, mit der Konzeptstudie in einer ersten Phase und der vertiefteren städtebaulichen Projektstudie in der zweiten Phase. Wir müssen eine robuste Grundlage haben für den Bebauungsplan – robust in dem Sinne, dass die zu erarbeitenden Planungsinstrumente mitgetragen werden können, sowohl von der Bevölkerung als auch von der Politik. Erst nach der Klärung der städtebaulichen Fragestellungen geht es dann um Architektur.

 

Was bedeutet die Entwicklung vom Industrieareal zum Stadtteil für alle für die Stadt Kriens?

Kriens schafft mit der beispielhaften, gemeindeübergreifenden Entwicklung im Gebiet «Luzern Süd» um den Mattenplatz seit 2013 quasi ein zweites Zentrum. Gleichzeitig haben auch mitten in Kriens mit der Entwicklung des Schappe-Centers, der Neugestaltung des Gemeindehausareals mit dem Wohnhaus Minoletti, der Teiggi und dem Lindenpark sowie dem Stadthaus-Neubau enorme Veränderungen stattgefunden. Jetzt kommt das Bell-Areal als letztes grosses Stück dazu.

Was eine Stadt ausmacht, ist nicht die Ansammlung von einzelnen Arealen, sondern dass diese miteinander verbunden sind. Das Bell-Areal bietet quasi die letzte Chance und und stellt dabei eine grosse Herausforderung dar, die Entwicklung zum eigenständigen Zentrum nachhaltig zu planen und ein Stück Stadt für alle zu schaffen.

 

 

Thomas Lustenberger im Gespräch mit Krienserinnen und Kriensern am öffentlichen Infoanlass vom November 2019 (links) und am Workshop im Mai 2019 (rechts):